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Transatlantik

Mittwoch, 16. Dezember 2009

San Sebastian (La Gomera, Kanaren) nach Portsmouth (Dominica, Karibik)

Am Sonntag den 21. November 2009 um 14.15h starteten wir unsere Atlantiküberquerung, wie Kolumbus damals von San Sebastian aus. Guten Mutes stiessen wir auf offener See auf unsere bevorstehende Atlantküberquerung an. Bereits am ersten Abend kurz vor Sonnenuntergang kamen uns 2 Pilotwale besuchen und wir segelten in die Nacht hinein. Einen ausgeklügelten Wachplan für das Rudergehen haben wir festgelegt. Jeder von uns übernahm 5h pro 24h und somit war eine Stunde doppelt belegt um die Planktonprobe vor Sonnenaufgang ziehen zu können. Wenn immer die Wellen und der Wind es zuliessen, planten wir jeden 2. Tag eine Probe zu nehmen, dh. die Segel mussten geborgen werden um die Fahrtgeschwindigkeit optimalerweise auf 0kn zu reduzieren. Die kleine Sturmfock wurde gesetzt um manövrierfähig zu bleiben. Die in der Probe schwebenden Tiere und Pflanzen bestimmten wir danach unter dem Mikroskop. Das Mikroskopieren war natürlich eine Herausforderung, denn die Tartaruga schaukelte in den 3-5m hohen Wellen unter der Fahrt von 5-10kn erheblich.
Am Montag kam uns ein Grünfink besuchen, welcher sich in den Salon verirrte. Der Kleine hat sich wohl verirrt und brauchte eine Möglichkeit sich auszuruhen um wieder genügend Kräfte für den Flug ans Land zu haben.
Dann kam der grosse Tag des Parasails. Das 105 m² grosse Segeltuch liess uns über die Wellen gleiten und wir kamen mit bis zu 150sm pro Tag näher in die Karibik. Bereits zwei Tage später wickelte sich das Parasail um sich selber. Simon und Joachim mussten es bergen und hofften, dass das Segel nicht kaputt war. Zum Glück war alles OK und wir setzten das Parasail wieder. Morgens fanden wir oft einen oder zwei fliegende Fische auf Deck. Leider ist nicht viel Fisch an dieser leichten Beute und es lohnt sich deshalb kaum sie zu essen. Aber um die Variation der Boardküche zu steigern, fischten wir Tag und Nacht. Nach 5 Tagen biss eine kleine Goldmakrele an und sorgte für Abwechslung an Bord. Wir genossen die vorzügliche Vorspeise noch am selben Abend. Nur einen Tag später freuten wir uns über die nächste, nun etwas grössere Goldmakrele am Haken. Ihr werdet es nicht glauben, ein weiterer Tag verging und et voilà, Goldmakrele von 68cm und 1.75kg hing an der Angel. Langsam wurde es in unserem Kühlschrank enger und unsere Speisen „makrelisch“. Das Highlight dieses Tages war jedoch der kurze Besuch von ca. 12 Delphinen vor Sonnenuntergang. Der Köder an der Steuerbordangel scheint den Makrelen sehr zu gefallen, denn wieder biss eine an… und sie wurden immer grösser: 76cm und nicht ganz 3kg. Nun haben wir alle das Ausnehmen und Filetieren von Fischen gelernt :-) Bereits eine Woche waren wir zu diesem Zeitpunkt auf hoher See und gönnten uns eine Tafel Schokolade. Reichlich Gemüse und Früchte waren noch immer an Bord und wir liessen es uns gut gehen mit abwechslungseichen Menüs. Um uns frisch zu machen stiegen wir fast täglich auf die Badeplattform und schöpften mit der Pütt Meerwasser um dieses über den Kopf zu kippen; Shampoo nicht vergessen und am Ende eine Frischwasserdusche mit von der Sonne aufgewärmtes Wasser aus der Petflasche. Dann kam noch das absolute Highlight: Fisch-Alarm!!! Dieses Mal auf Backboard am grossen Haken… Simon kämpfte, zum Glück hatte er die Segelhandschuhe an, denn die Leine war zum Bersten gespannt. Plötzlich sahen wir den Fisch hoch springen: Wir trauten unseren Augen nicht, der ist ja riesig! Wir meinten zuerst schon, oh Schreck, ist das ein kleiner Hai??? Ausser Simon waren alle froh, dass dies nicht so war. Wir hatten einen 1.38m Wahoo von 13.5 kg gefangen!!! Das Ausnehmen dauerte eine Weile und das Filetieren konnten wir grosszügig machen, denn soviel Fisch muss zuerst mal haltbar gemacht werden und im Kühlschrank Platz haben. Diese Ausbeute von 2 grossen Schüsseln voll mit Wahoo-Filets verarbeiteten wir auf verschiedene Arten: Sie wurden in Öl eingekocht, getrocknet, geräuchert und frisch verzerrt.
Nach 2 Wochen erreichten wir den 17. Breitengrad. Tag für Tag und Nacht für Nacht näherten wir uns der Karibik. Dann geschah es: Aus dem nichts riss das Parasail! Es stellte sich nachher heraus, dass der Stoff ziemlich mürbe war dummerweise nun genau Mitten auf dem Atlantik bei lediglich 15kn scheinbarem Wind nachgelassen hat. Tja, nähen war sinnlos und deshalb setzten wir die Genua und das Gross und segelten mit „Schmetterling“ bei achterlichem Wind (Wind von hinten) etwas langsamer der Karibik entgegen.
Da wir nun genügend Zeit hatten die Hafenhandbücher der Karibik zu studieren stellten wir fest, dass unser Plan die südlich liegende Insel Barbados anzusteuern und die typischen Inseln der Grenadinen mit Winnie zu besegeln bevor er wieder nach Hause gehen muss, doch eher fraglich zu sein schien, denn wegen dem vorherrschenden NE Wind in der Karibik ist das Segeln von Insel zu Insel in Richtung Süden einiges angenehmer. Somit entschieden wir uns kurzerhand nicht Barbados anzusteuern sondern Guadeloupe oder Martinique.
Tag 17 war der grosse Tag des Whalewatching!!! Ein ca. 8m grosser Zwergwal (Minke Whale, Balaenoptera acutorostrata) kam zur Tartaruga und präsentierte seinen riesigen weissen Bauch: Einmal auf Steuerbord, dann auf Backbord. Er surfte in den Wellen hinter uns und wir konnten die weissen Streifen auf seinen Brustflossen sehen. Es war ein tolles Gefühl von ihm beobachtet zu werden und ihn in nur 5m beobachten zu können. Nach etwa 20 Minuten verschwand er in den ca. 5 m hohen Wellen.
Über 2 Wochen hatten wir zwischen 10 und 20kn Wind, zum Teil kleine Platzregen, vor allem Abends oder in der Nacht, jedoch nie eine stärkere Windzunahme, welche uns an einen Squall denken liessen. Nun kam er, mitten in der Nacht, überraschend und mit 30kn Wind. Zeit um die Segel zu reffen (verkleinern) blieb nicht. Nach wenigen Minuten war alles vorbei und die Tartaruga segelte im gewohnten auf und ab der Wellen weiter. Nebenbei, Simon verschlief das ganze Spektakel.
Am nächsten Tag sahen wir wieder einmal ein anderes Segelschiff. Per Funk erfuhren wir, dass es sich um die „Dancing like waves“ aus England handelt. Sie ist auf dem Weg nach St. Lucia, wo der Zielhafen der ARC ist.
Noch am selben Abend sahen wir das Meer brodeln. Bei genauerer Betrachtung sahen wir Delphine in die Höhe springen, sich überschlagen und ins Wasser klatschen. Nach einer knappen Minute was das Schauspiel schon vorbei und wir segelten in den Sonnenuntergang hinein.
Die morgentlichen Planktonproben alle 2 Tage wurden in der ersten Zeit strikt eingehalten. Doch der Wind und die Wellen nahmen stetig zu und wir passten den Rhythmus dem Meer an. Zum Glück wurden wir immer routinierter bei dem Mikroskopieren und konnten trotz dem stärkerem Schaukeln und Holpern der Tartaruga unsere Proben analysieren. Am häufigsten konnten wir in allen 9 Proben die Copepoda (Ruderfusskrebse) und Nauplius-Larven (Ruderfusskrebs-Larven) sehen. Medusen (Quallen) und viele andere interessante Lebewesen identifizierten wir mit Hilfe von Fachliteratur. Bei unbekannten und nicht zu identifizierenden Tieren oder Pflanzen machten wir ein Photo für die spätere Analyse.
Nach 3 Wochen auf See war das Ziel nun fast schon greifbar. Etliche Schokoladen wurden schon für jeden Meilenstein gefuttert (1/3 der Strecke, 1000sm, 2000sm, 1. Advent etc.) und auch die Schnapszahlen wurden gebührend gefeiert!
Am Nachmittag kamen 4 junge Spotted Dolphins in unsere Bugwellen surfen und wir hatten unsere Freude daran. Fliegende Fische sprangen immer wieder aus dem Wasser und flogen weg resp. flohen von der Tartaruga. Am Abend hiess es dann nochmal Fisch-Alarm! Der Winnie zog einen Gross-Augen-Thun an Deck von 6kg und 63cm Länge.
Dann kam der grosse Moment: Land in Sicht!!! Wir steuerten Dominica an, wo auch einst Kolumbus nach seiner 2. Atlantiküberquerung landete. Wir erreichten Portsmouth im Norden von Dominica um 05:15h UTC (Schiffszeit) am 13. Dezember 2009 nach 21 Tagen 15 Stunden und 3002.33sm!!! Wir fuhren also mit einem Schnitt von 5,78kn (10,7km/h) und 138 Meilen am Tag.